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Bilder für die Seele

Seit es nicht mehr die zentrale Funktion von Kunst ist, den menschlichen Lebensraum zu gestalten, dem Sakralen darin Präsenz zu verleihen, die soziale Stellung seiner BewohnerInnen zu kennzeichnen und ihre Erinnerungen aufzubewahren, ist sie auch in einem sehr konkreten Sinn unbehaust geworden. Werke, die etwas ausgeprägt Subjektives verkörpern oder im Gegenteil ein Konzept verwirklichen, eine Methode durchspielen, können zwar sehen lehren und inspirieren, aber oft sind sie zu mächtig oder zu eigen-willig, als dass man wirklich mit ihnen leben und wohnen könnte. So werden sie in Museen verbannt oder zwar als Statussymbole präsentiert, aber auf die Dauer nicht mehr wahrgenommen, oder sie werden als eine Art Ornament in das Gesamtdesign eines Raumes sozusagen eingebaut.

 

Sissi Bans Öl- und Acrylgemälde irritieren zu Beginn, weil sie sich nicht in dieser Weise vereinnahmen lassen, aber auch nichts zu enthalten scheinen, was die BetrachterInnen "anspringt" oder woran er/sie sich festhalten könnte, um das Bild und seine "Botschaft in den Griff zu kriegen".

 

Die Werke, die zu Beginn ihrer jüngsten großen Schaffensphase (seit Anfang 2000) entstanden sind, wirken zunächst nur wie abstrakte Kompositionen. Farben, die im Spektrum nebeneinander liegen - oft Gelb, Grün, Blau - verteilen sich in subtilen Schattierungen, einem fließenden Duktus und wellen- oder wolkenartigen Strukturen sehr gleichförmig über die gesamte Fläche. Sehr sparsam nur sind Komplementär- oder Helligkeitskontraste eingesetzt; obwohl ohne Schatten eigentlich auch kein Licht mehr wahrnehmbar ist, scheint von dem ganzen Bild ein gleichmäßiges Leuchten auszugehen. Jeder Versuch einer Durchdringung gleitet an dieser Harmonie ab.

 

Tritt man zurück, um einfach nur zu schauen, vollzieht das Bild eine korrespondierende Bewegung: es öffnet sich und wird zu einem tiefen, aber durch keine eindeutige Perspektive festgelegten Raum. Nach einer Weile scheint der BetrachterInnenstandpunkt zu kippen: meinte man zunächst auf eine Wasserfläche mit farbigen Lichtreflexen zu schauen (Sissi Ban ist stark von den Impressionisten , besonders Monet, inspiriert) blickt man plötzlich in einen Wolkenhimmel und dann vielleicht auf einmal über eine weite Ebene hin (die Reihenfolge ist nicht festgelegt, und überdies sind diese Bilder so konzipiert, dass man sie von allen Seiten betrachten kann). Hier wird keine Anschauung von Objekten vermittelt, sondern das ungewöhnlich intensive Erleben des eigenen Schauens. Der/die BetrachterIn wird in einen - sehr wachen - Schwebezustand versetzt, und die energiegesättigte Ruhe, die die Farben ausstrahlen, geht auf ihn/sie über.

 

Aus Meditationsprozessen entstanden, sollen diese Bilder harmonisierend und heilend wirken.

Die neueren Werke sind gegenständlicher, gleichgeblieben ist ihre Unaufdringlichkeit, die sanfte Irritation, die sie auslösen, wenn man sich auf sie einlässt, die Ruhe und Lebendigkeit, die von ihnen ausgeht. Vor allem haben sie sämtlich eine Eigenschaft gemeinsam: es handelt sich jedes mal um eine Art Vexierbild.

 

Die Mittel, mit denen diese Wirkung erzielt wird, werden immer vielfältiger und raffinierter, wobei die Einfachheit enthalten bleibt und die impressionistische Technik sowie die subtile Farbigkeit verhindern, dass die Reduziertheit und Konsequenz der Komposition einen Eindruck der Starre erzeugt.

Da ist nicht auszumachen, ob etwa die „Möwe Johanna" nach rechts oder links fliegt oder geradewegs aus dem Bild heraus; stattdessen vollzieht der Blick des Betrachters/Betrachterin die schweifende Bewegung des Vogels; auf dem Bild "Love" umkreisen zwei Möwen einander auf diese Weise.

 

Da wirkt eine Gruppe Sonnenblumen, ("Transzendenz") "normal" oder groß wie Urwaldbäume, je nachdem, ob der Blick sich auf den hellen Nachthimmel darüber richtet (eine der Blüten ist gleichzeitig der Mond) oder auf das Licht, das ganz unten zwischen den dunklen Stengeln hervorbrechend, den zweiten starken Schwerpunkt setzt.

 

Ein Kranz Tulpenblüten erscheint als von oben oder von unten her gesehen, je nachdem, wie die mittlere obere "gelesen" wird - ob als Kreismittelpunkt oder Teil der Kreislinie, beides ist möglich.

 

Im "Vordergrund" des Bildes "Die Liebenden" (bzw. am unteren Bildrand, da man sich bei Sissi Bans Werken nie sicher sein kann, was Vorder- und was Hintergrund ist): zwei gelblichrote Kreisflächen (eigentlich keine Flächen, sie wirken plastisch, von fleckiger Textur, wie Chrysanthemenblüten); dahinter ein Gewirbel grüner, gelb-orangener, gelblichweißer Lichter (Blüten?). Die beiden "Liebenden" scheinen, tief mit ihrem Gefühl gesättigt, in sich zu ruhen, miteinander zu verschmelzen - was um sie vorgeht, interessiert sie nicht. Dann, plötzlich, schießt und schäumt der Hintergrund den/der BetrachterIn entgegen - wie auch von Liebenden die Welt besonders intensiv erlebt wird.

 

Anne Fröhlich, Juli 2001

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