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Kultgemälde 

30.000 Jahre vor unserer Zeit

Wie kommt nun diese Künstlerin dazu, die Höhlenbilder von Lascaux, Altamira, Kostenki, Feldkirchen-Gönnersdorf... Werke des Cro-Magnon-Menschen, „30.000 Jahre vor unserer Zeit“, zu ihrem Thema zu machen?

Zunächst durch eine Wahrnehmung, die bislang meistens dadurch verstellt wurde, dass wir unsere Idee des „Archaischen“ in diese Relikte hineinprojizieren, die Sissi Ban hingegen als verblüffend „modern“ empfindet. „ ... die Art der Linienführung, die sprühende, groß hingeworfene Form. Das ist eine Strichgebung, wie sie eigentlich erst Jahrtausende später der moderne Impressionismus verwandte: Monet, Manet, van Gogh...“.

 

Dass sie in der Regel als Kultbilder, ja, als magische Objekte betrachtet werden, könnte auch dazu verleiten, ihnen die düstere Feierlichkeit zuzuschreiben, die wir mit dem Begriff des Magischen verbinden. Sissi Ban dagegen empfindet den Ausdruck der dargestellten Tiere als „lustig, freudig, lebensfroh, pfiffig“. In der Tat – man muss nur zum Beispiel einmal dem „Wisent“ vorurteilfrei ins Gesicht schauen!

Sissi Bans Bearbeitungen nehmen den Darstellungen die Patina und geben ihnen gleichzeitig die Aura zurück, die ihren fotografischen Wiedergaben fehlt. Sie stellt die Tiere in die weiten, fließenden, Licht durchfluteten Räume, die wir von ihren „ungegenständlichen“ Werken her kennen, entlässt sie aus dem Sepiadunkel der Höhlenwände in die Landschaften, in denen ihre „SchöpferInnen“ sie vor 30.000 Jahren erlebt haben müssen.

Dadurch, dass aus winzigen Bildchen in einem Buch wieder richtige, große Gemälde werden, vor denen man auf- und abgehen kann, denen man sich nähern und von denen man sich entfernen kann, wird zumindest ansatzweise erfahrbar, dass es sich bei den Originalen nicht um Tafelbilder handelt, nicht um Flächen, in die Gegenstände gebannt wurden, sondern Elemente eines “Environments“, die einen Raum bilden und aus der Räumlichkeit hinaus ihre Wirkung entfalten.

So wirkt zum Beispiel die „hüpfende Kuh“, wenn man sie frontal betrachtet, als ob sie lahmte – das eine Hinterbein erscheint seltsam, irgendwie unnatürlich abgespreizt.

Aus einem extrem seitlichen Blickwinkel dagegen – man muss mit dem Kopf beinahe die Wand berühren, an der das Bild hängt – wird der Umriss des Beines zum Hinterteil, die Schattierung des Bauches zum Bein, und die Kuh scheint sich in vollkommen natürlicher Gangart zu entfernen.

Der „doppelt“ (in raschem Hin- und Herschwingen) dargestellte Schwanz erinnert an die bekannte impressionistische Bewegungsstudie eines Dackels an der Leine (…....).

Derartige Effekte geben Anlass zu der Frage, ob die SchöpferInnen dieser Werke sich etwa wie die Deckenmaler der Renaissance und des Barock auf die Kunst verstanden, Verzerrungen durch den Betrachterstandpunkt zu berechnen und vorwegnehmend auszugleichen; ja, ob sie nicht noch raffinierter vorgingen, indem sie diese Kenntnisse nutzten, um ihre Bilder sich „bewegen“ zu lassen und ihnen dadurch Leben einzuhauchen...

 

Auch der Einfluss der Lichtverhältnisse auf die Wahrnehmung wird beim Betrachten dieser Malereien bewusst.

Bei hellem Tages- oder Kunstlicht wirkt der runde dunkle Fleck am Hinterkopf des „großen Höhlenbären“ wie ein Einschussloch, um das es sich beim waffentechnischen Stand jener Zeit jedoch nicht handeln kann - für ein Auge sitzt es zumindest bei frontaler Betrachtung viel zu weit hinten (von der Seite gesehen sieht das Ganze nicht so verzerrt aus). Im Dämmerlicht wird aus dem „falsch platzierten Auge“ ein perspektivisch exakt dargestelltes, an genau der richtigen Stelle befindliches Ohr.

 

Aber Sissi Ban macht nicht nur Wirkungen wieder erfahrbar, die in der fotografischen Reproduktion verloren gehen; sie erfindet auch eigene Techniken, erzeugt mit anderen Mitteln die gleichen Effekte wie ihre KollegInnen von vor 30.000 Jahren. Diese nutzten bekanntlich die Unebenheiten ihres Malgrunds, um Körperhaftigkeit zu erzeugen.

Sissi Ban malt die steinzeitlichen Ritzzeichungen mit weißer Kreide auf schwarzem Karton. Dann füllt sie die Umrisse mit Kohlestrichen aus, die der Wölbung der Körperoberfläche folgen. Je nach Lichteinfall, also je nachdem, ob die Kohlestriche sich vom Untergrund abheben oder nicht, ist die Wirkung linear oder plastisch. Dreht man das Blatt im Licht hin und her, erweckt der rasche Wechsel der Sichtweisen einen Eindruck von Bewegung.

 

Bei allem Spiel mit den Gesetzen der Optik: auch diese neuesten Werke der Künstlerin sind Meditationsbilder, wie ja wahrscheinlich auch die steinzeitlichen Originale – ob man diese nun im Sinne des Jagdzaubers oder des Fruchtbarkeitszaubers deutet (wofür die vielen Darstellungen trächtiger Tiere sprächen, die Sissi Ban als Indiz dafür ansieht, dass es sich um von Frauen gemalte Bilder handeln könnte, die weibliche Kulträume schmückten) – ob Totemismus oder Schamanismus: ein wichtiges Element wäre in jedem Fall die Einsfühlung mit dem Tier gewesen, und damit zugleich auch die Selbstbegegnung im Tier.

 

Sissi Bans Werke vermitteln eine solche Selbstbegegnung dadurch, dass sie je nach Stimmung immer wieder unterschiedlich gesehen werden können. Der „große Höhlenbär“ hebt sich vom Dunkel des Hintergrunds ab, das sich in ihm andererseits gerade zu verdichten scheint; die „Löwinnen“ agieren so geschlossen, dass sie wie die Bewegungsstudie eines einzigen Individuums wirken; und die „Pferde“ befinden sich in einem so fließenden Raum, dass sie einmal ganz klein und nahe sind, dann wieder groß und weit entfernt.

 

Klar und sprühend zugleich, springen dieser Bilder den/die BetrachterInnen weder gewaltsam an, noch lassen sie sich als reines Dekorationselement „still stellen“.

 

In ihrer dialogbereiten Präsenz besitzen sie eine Qualität, deren Fehlen es heute oft so schwer macht, den passenden Ort für ein Bild zu finden: man kann mit ihnen zusammenleben.

 

Anne Fröhlich, Juli 2002

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